Paulus Hochgatterer arbeitet als Primarius der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Tulln. Er wuchs im niederösterreichischen Blindenmarkt auf und zählt zu den Bestsellerautoren Österreichs. Seine Krimis, Romane und Erzählungen sind weit bekannt. Zu einigen seiner Auszeichnungen gehören der Deutsche Krimi-Preis, der Europäische Literaturpreis und der Österreichische Kunstpreis. Hochgatterer lebt mit seiner Familie in Wien und Lichtenau.

„Der Zauber, den jedes Kind spüren sollte, ist der, dass die Welt der Gedanken, Fantasien und Vorstellungen gleich viel wert ist wie die Welt, die die Großen Wirklichkeit nennen.“
027-werkstattgespraeche-paulus-hochgatterer-0484.jpg
Paulus Hochgatterer in der Werkstatt

Pernkopf: Deine Spezialgebiete als Bestsellerautor sind salopp gesagt: Die Kinder und ihre Seele. Du hast gerade in der Werkstatt meine drei Kinder gesehen. Abgesehen von Pandemie und Krieg: Was erwartet ein Kind, das im Jahr 2022 geboren wird?

Hochgatterer: Eine Welt, die sich immer schneller verändert. Mit diesem Umstand müssen wir in unserem Leben zurechtkommen. Veränderungsbeschleunigung gehört zu unserer Realität. Veränderung passiert nicht linear, sondern exponentiell. Und das ist ein Phänomen, mit dem werden unsere Kinder in einer noch anderen Form zurechtkommen müssen, als das bei uns selbst der Fall ist.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat einige wichtige Werke zum Thema Beschleunigung geschrieben. Er schreibt, dass die Auswirkungen der immer rascher zunehmenden Veränderung enorm sind. Kinder lernen, dass Dinge nur mehr eine ganz kurze Halbwertszeit haben. Daher sind die Lebenskonzepte, mit denen wir groß geworden sind, heute zum Großteil überholt. Das Modell unserer Eltern war: Erlerne einen Beruf, gründe eine Familie und tritt einer Partei bei. Dieses Konzept verschwindet zunehmend, weil es einfach nicht mehr funktioniert.

Pernkopf: Was ist jetzt anders zu meiner oder Deiner Kindheit. Was sind die großen Vorteile oder Fortschritte, die man heute genießen kann?

Hochgatterer: Mir fällt da zuerst der oft verteufelte Umstand ein, dass durch die sozialen Medien die Möglichkeiten der Beziehungsaufnahme ganz anders geworden sind, als das bei uns der Fall war.

Pernkopf: Ist das besser oder schlechter?

Hochgatterer: Besser. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind heutzutage wirklich isoliert ist oder bleibt, oder dass es keine Beziehung zu Gleichaltrigen hat, ist viel geringer als in der Zeit, in der ich ein Kind war. Ein Vorteil ist auch, dass Distanzen viel leichter zu überwinden sind. Die Welt steht Kindern heute in einer anderen Form offen, als das in meiner Kindheit der Fall war.

Pernkopf: Und aus medizinischer Sicht?

Hochgatterer: Spitzenmedizin ist zwar heute nicht in jedem Krankenhaus in Österreich realisierbar. Aber die Krankenhäuser, in denen die Spitzenmedizin zuhause ist, die sind für alle erreichbar.

Pernkopf: Pandemie und Krieg sind Dauerkrisen. Wie kann ein Kind heute dennoch sicher leben?

Hochgatterer: Sicherheit ist immer etwas höchst Subjektives. Ein Kind ist dann sicher, wenn es sich sicher fühlt. Dazu fällt mir jetzt ein, dass wir vorhin Deine Frau und Deine Kinder erlebt haben: Wenn ein Kind bei einem Elternteil auf dem Fahrradsitz transportiert wird, erlebt es Sicherheit in der Beziehung zu seinen Eltern und wird sich in solchen Situationen immer sicher fühlen. Sicherheit heißt in erster Linie Beziehungssicherheit, und Beziehungssicherheit ist etwas, das hauptsächlich in den ersten drei Lebensjahren entsteht. Kinder werden sich im Leben sicher fühlen, wenn ihnen ermöglicht wird, dass sie es in den ersten Lebensjahren lernen.

Pernkopf: Ist Geborgenheit mehr als Sicherheit?

Hochgatterer: Geborgenheit hat einen anderen Akzent. Sicherheit heißt für mich Trennungsfähigkeit. Ein Kind ist dann sicher, wenn es sich in Absenz der Eltern, also auch unabhängig von ihnen, sicher fühlen kann. Das heißt, wenn ein Kind fähig ist, alleine und ohne die Eltern in einen anderen Raum zu gehen und sich dort sicher fühlt, weil es weiß, die Mama oder der Papa ist eh da, dann ist das innere Sicherheit.

Pernkopf: Wie sollen Kinder aufwachsen? Soll ich meinen Kindern das Handy oder die Matador-Bausteine in die Hand geben?

Hochgatterer: Beides. Die digitale Welt hat zwar auch Schattenseiten. Aber eine Kindheit ohne digitale Welt würde heutzutage heißen, dem Kind vorzuenthalten, was die anderen Kinder selbstverständlich haben. Und das wiederum heißt, eine Blase zu schaffen oder eine Nische, die etwas völlig Artifizielles hat. Ich plädiere dafür, dass wir uns darauf verlassen, dass Kinder heute hochkompetent und kritisch im Umgang mit digitalen Medien sind. Ich sehe das täglich in meiner Arbeit. Kinder sind im Umgang mit der digitalen Welt viel kompetenter als wir Erwachsenen. Sie spüren vor allem, wo sie ihnen nützt und wo sie ihnen schaden könnte.

[…]

Pernkopf: Es gibt einen berühmten Satz: Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Wie siehst Du die Perspektiven eines Kindes aus der Stadt und vom Land? Was ist für ein Kind das Beste aus beiden Welten?

Hochgatterer: Das ist eine Frage, die einen differenzierten Zugang braucht. Diesen Satz halte ich grundsätzlich für richtig: Es braucht mehrere Personen, um ein Kind zu erziehen. Es sollten – abgesehen von den primären Bezugspersonen – rund um ein Kind, in zweiter und dritter Reihe, andere Personen da sein, die einfach durch ihr Vorhandensein Sicherheit geben. Sie sind da, sie nehmen eine bestimmte Rolle ein, sie verhalten sich im Wesentlichen immer gleich. Dadurch versteht das Kind nach einer gewissen Zeit, wie diese Menschen funktionieren. Das schafft Vertrauen und gibt Sicherheit. Das Dorfkonzept kann auch in der Stadt stattfinden. Wenn etwa meine Frau, die Wienerin ist, seit ihrer Geburt in der Leopoldstadt lebt, dann ist die Leopoldstadt gewissermaßen auch ihr Dorf. Also das „Dorfgefühl“ – das gibt’s auch in der Stadt. Meine Frau kennt zwar vielleicht die Leute auf der Straße nicht in der Form, wie ich in meiner Kindheit die Leute in unserem Ort gekannt habe, aber manche Menschen kennt sie doch, sie kennt ihr Grätzel und sie weiß, wie das Zusammenleben dort funktioniert.

Pernkopf: Das ist ein interessanter Aspekt. Du sprichst dabei an, dass es die Funktion des Dorfes überall gibt, unabhängig vom Raum?

Hochgatterer: Klar! Die migrantischen Soziotope in Ottakring oder sonst wo in Wien, die funktionieren auch wie ein Dorf. Dorf ist ein soziales Phänomen und weniger ein Phänomen der Landschaft oder des Raumes.

Pernkopf: Ich schreibe in meinem Buch „Landleben braucht Kultur im Sinne von Weitergabe von Wissen und Können“. Wie kann man für diese Weitergabe von Wissen ein Gewächshaus schaffen?

Hochgatterer: Wenn es um handwerkliche Dinge geht, ist die Weitergabe von Wissen heute möglicherweise schwierig geworden. Andererseits bin ich überzeugt davon, dass soziale Entwicklung verläuft wie ein Pendel. Auf Bewegung folgt Gegenbewegung. Momentan entwickelt sich die westliche Welt in Richtung Virtualität. Ich bin mir sicher, dass es eine Gegenbewegung geben wird, die den Wert des Manuellen oder der Materie und auch die Lust daran wieder entdeckt. Wir alle wären manchmal vielleicht gern rein virtuelle Wesen, aber – leider oder Gott sei Dank – sind wir es nicht. Wir brauchen ein Dach über den Kopf, wir brauchen etwas zu essen und wir haben Hände, die auch gebraucht werden wollen. Momentan stehen diese Dinge nicht so sehr in Hochkonjunktur, aber ich bin ganz sicher: Das wird wieder kommen.

[…]

Alle Detailinfos zum Buch findest Du hier:

Zum Verleger